frida ruiz // traslaciones // laudatio von lisa kränzler

August 8, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Der erste Blick fällt durch goldumrahmtes Glas in einen Raum, der nach Abbruch und Demontage aussieht.

Vor dem Fenster : 6 Spuren Strasse.

An den Wänden : Tausendundeine Spur – Farbreste, Putz und Kraterlandschaften, hinterlassen von vormaligen Mietern, Künstlern, Gästen.

Auf dem Boden : der Koffer der Künstlerin, die diese Wände verarzten wird, prallgefüllt mit Lack- und Ölfarben.

Sie werden hier, direkt vor Ort entstehen, die Bilder, die schönsten aller Trostpflaster im Grossformat.

Ich habe Glück und darf der Künstlerin Frida Ruiz beim operieren zusehen.

In der Mitte eines, von kreisrunden Lichtlachen beleuchteten, Stillleben aus Dosen, Tuben und Gaffa-Tape Rollen schneidet sie sich den Träger zurecht. Gerolltes Papier macht sich flach, liegt hilflos da und streckt ihr den weissen Bauch entgegen.

In einstmals mädchenfarbenen Tanzschuhen, deren rosa Glanz längst unter grünlich-gräulichen Farbschichten begraben liegt, betritt sie die rechteckige Bühne. Der meterlange Pinselstil in ihrer Rechten begleitet jeden Schritt mit leichtem Schwingen : Ein Metronom aus Holz und Haar.

Der Tanz ist eröffnet!

Schon folgt der schwarz angehauchte Pinsel der trockenen Fussspur.

Eine Drehung, eine Kurve, ein Stop;  das Körpergewicht pendelnd zwischen Zehenspitze und Ferse;  die Beinlänge definiert den Radius der Kreisformen.

Ein konzentrierter Tanzschuh schubst den Pinselkopf in die richtige Richtung.

Es ist ein Tanz auf drei Beinen, der Pinselfuss haarig und unbeschuht.

Die am Trägerrand wartende Lackdose wird leichtfüssig umtänzelt…

Leise Wischgeräusche begleiten aus der Bewegung resultierende Linien – bei Gefallen werden sie nachgezogen.

Immer wieder Pausen und prüfende Blicke : Was fehlt?

Gelb, gelb hat gefehlt!

Die Sonnenfarbe folgt dem Pfad, den sich das Schwarz geschlagen hat.

Jetzt will auch der Fuss  – er taucht seine Spitze ins Bunt und malt mit.

Sorgfalt und Bedächtigkeit des Malvorgangs überraschen mich,  die ich bislang lediglich die wildwüchsigen Endergebnisse kannte…

Der Träger ist so gar nicht das Auffangbecken unkontrollierter Affekte, die Farben nicht zufällig.

Mischverhältnisse, Schrittlängen, Farbkomposition :  Die Künstlerin beherrscht und kontrolliert alle bildkreierenden Elemente. Die Malerei wird Abbild einer präzisen Choreografie, deren Tempo sich mit dem Anschwellen der Farbdichte erhöht.

Betörend wie Lavendel entfaltet sich der Duft des Terpentins.

Die Füsse finden keine freien Stellen mehr, wandern auf schlaufenförmigen Wegen, jeder Schritt ein kleines Kleben.

Immer wieder Antäuschbewegungen mit Fuss und Pinsel, dann erst die Ausführung.

Nur keine Pause!

Weiter mit neuen Farben, neuen Bewegungen : Ein frisches Rot gibt sich eigenwillig, nimmt Abkürzungen, lässt Gelb und Schwarz hinter sich. Spiegelbild und Schatten der Malerin liegen in der feuchten Farbe. Ein sanftes Vor- und Zurückwiegen des Oberkörpers federt die Striche ab.

Jetzt ändert sich der Sound : Ich sehe klopfende Tupfer; kleine Markierungen, vielleicht eine Pinselbreite stark. Ein kurzer Druck, ein „Tactactac“ – ganz anders, als das längliche Schleifen und Wischen.

Helle Kratzer, die mich an Streifzüge durch Brombeerhecken erinnern, tauchen auf;  Texturen werden dichter, gröber, zähflüssiger;  Lacke ziehen ihre Fäden über Farbgewimmel. Die Zeit zeichnerischen Betastens ist vorüber, ich bezeuge ein Abtauchen ins Malerische.

Der Pinsel wird zum Ruder. Beidhändig zieht sie ihn durch farbige Wellen und Strudel, der Wasserwiderstand ist der des Bodens.

Für kleinste Weilen steht sie still, die Hand im Haar; unbewusst; nachsinnend; und beobachtet ihr Bild.

Und ich? Ich frage mich:  „Traslaciones“? Was ist das?

Es ist die Übersetzung einer Idee in die Sprache der Malerei.

Die Überführung einer Vision in Hände und Füsse.

Eine Vorstellung, die durch den Körper auf den Träger tanzt.

Frida Ruiz nutzt die Malerei, um der Flüchtigkeit der Körpersprache die Möglichkeit der Manifestation zu geben.

Es geht ihr dabei nicht etwa um die Dokumentation von Tanz oder Performance, sondern vielmehr um die Kreation einer neuen Sprache, einer Sprache, die sich aus der Symbiose von Bewegung und Farbe ergibt. Diese besondere Verschmelzung oder Bildsprache ist mehr, als die Summe der geführten Pinselstriche.

Farbe wie Körper entziehen sich der totalen Kontrolle durch Geist und Idee. Sie treten die gemeinsame Flucht nach vorne an, zukünftigen,  nie-dagewesenen Formen entgegen.

Die Malerei wird zum Ort des Noch-Unbestimmten, nicht-etikettierten,  einem Ort der Freiheit.

Die Frustration, die mit der Unmöglichkeit der totalen Beherrschung von Körper-und Bewegungsabläufen einhergeht und das freudige, losgelöste Freiheits – und Highgefühl im Moment der Kreation prallen aufeinander :

Als Betrachter stehen wir heute inmitten der Resultate ebendieses Aufpralls und bestaunen, ungleich involvierter als der Zuschauer im Tanztheater, die Malereistücke. Wir tauchen ins dschungelhafte Dickicht der Bilder, vollziehen die geheimnisvollen Choreografien nach, ergeben uns Form und Farbe und lassen unsere Augenpaare über die Bildflächen tanzen.

Lisa Kränzler

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